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Ausschnitte aus dem Essay „Der historische Moment des Kubismus“

von John Berger, erschienen im Essay-Band „Das Sichtbare und das Verborgene“


Manche Menschen sind Hügel
Die sich unter den Menschen erheben
Alles Künftige fern erblicken
Besser als das was ist
Deutlicher als das Vergangene
(aus dem Gedicht Die Hügel von Guillaume Apollinaire)


Für die Kubisten war der Kubismus etwas Spontanes. Für uns ist er Teil der Geschichte. Aber ein seltsam unvollendeter Teil. Kubismus sollte nicht als stilistische Kategorie betrachtet werden, sondern als ein Augenblick – auch wenn dieser Augenblick sechs oder sieben Jahre dauerte – der von einer Reihe von Menschen erfahren wurde. Ein sonderbar platzierter Augenblick.

Es war ein Augenblick, in dem das, was die Zukunft versprach, greifbarer war als die Gegenwart. Mit Ausnahme der Avantgarde-Künstler in Moskau in den Jahren nach 1917 hat es eine ähnliche Zuversicht wie die der Kubisten unter Künstlern seither nie wieder gegeben ... ... ...

Der Kubismus veränderte das Wesen der Beziehung zwischen dem gemalten Bild und der Wirklichkeit, und dadurch drückte er eine neue Beziehung zwischen Mensch und Wirklichkeit aus ... ... ...

Wie brachten die Kubisten ihre Anpassung an die neue Beziehung zwischen Mensch und Natur zum Ausdruck?


1.   Durch die Art, wie sie den Raum benutzten

Der Kubismus brach den illusionistischen dreidimensionalen Raum auf, der in der Malerei seit der Renaissance bestanden hatte. Er zerstörte ihn nicht. Er drängte ihn auch nicht zurück, wie es Gauguin und die Schule von Pont-Aven getan hatten. Er unterbrach seine Kontinuität. Es gibt in der kubistischen Malerei Raum insofern, als eine Form sich aus der anderen ableiten lässt. Aber die Beziehung zweier Formen zueinander setzt nicht – wie im illusionistischen Raum – die Regel fest für alle räumlichen Beziehungen aller im Bild dargestellten Formen. Das ist ohne eine albtraumhafte Deformation des Raumes möglich, weil die zweidimensionale Oberfläche des Bildes sich immer wieder als Schiedsrichter und Schlichter verschiedener Ansprüche anbietet. Die Bildfläche wirkt im kubistischen Bild als Konstante, die uns erlaubt, die Variablen zu erkennen. Vor und nach jedem Ausflug unserer Phantasie in die problematischen Räume und durch die Querverbindungen eines kubistischen Gemäldes spüren wir, wie unser Blick sich an der Bildfläche reorientiert, indem er sich wieder der zweidimensionalen Formen auf einer zweidimensionalen Leinwand bewusst wird.

Das macht es unmöglich, den Gegenständen oder Formen eines kubistischen Werkes gegenüberzutreten. Nicht nur wegen der Vielfalt der Blickpunkte – wobei zum Beispiel die Ansicht eines Tisches von unten mit der Ansicht des Tische von oben und von der Seite kombiniert wird -, sondern auch, weil die abgebildeten Formen sich niemals als Ganzes darstellen. Das Ganze, das ist die Oberfläche des Bildes, die nun der Ursprung und die Summe all dessen ist, was man sieht. Der Blickpunkt der Renaissance-Perspektive, der außerhalb des Bildes lag, aber auf den sich alles im Bild bezog, ist zu einem Blickfeld geworden, welches das Bild selbst ist ... ... ...


2.   Durch die Art, wie sie die Formen behandelten

(Das) Ziel (der Kubisten) war, zu einem weitaus umfassenderen Bild der Wirklichkeit zu gelangen, als man es bisher je in der Malerei versucht hatte.

Um dies richtig einschätzen zu können, müssen wir eine jahrhundertealte Gewohnheit aufgeben: die Gewohnheit, den Gegenstand oder Körper als etwas in sich vollständiges zu betrachten, dessen Vollständigkeit ihn von anderen trennt. Die Kubisten beschäftigte die Wechselwirkung von Gegenständen.

Sie reduzierten Formen zu einer Kombination von Kuben, Kegeln, Zylindern – oder später zu Arrangements flach gegliederter Facetten oder Ebenen mit scharf konturierten Flächen – so dass die Elemente jeder Form austauschbar waren – ob es sich nun um einen Hügel, eine Geige, eine Frau, eine Karaffe, einen Tisch oder einen Hand handelte. So setzten sie der kubistischen Diskontinuität des Raums eine strukturelle Kontinuität entgegen. Wenn wir allerdings von der kubistischen Diskontinuität des Raums sprechen, so geschieht das nur, um sie von der gewohnten Zentralperspektive der Renaissance zu unterscheiden.

Der Raum ist ein Teil der Kontinuität der Ereignisse, die sich in ihm abspielen. Er selbst ist ein Ereignis, das sich mit anderen Ereignissen vergleichen lässt. Er ist nicht nur ein Gehäuse. Und eben das zeigen uns die wenigen kubistischen Meisterwerke. Der Raum zwischen den Objekten selbst ist Teil der gleichen Struktur wie die Objekte selbst. Die Formen kehren sich einfach um, so dass, sagen wir, ein Kopf mit einem konvexen Element abschließt und der angrenzende Raum, den er nicht ausfüllt, ein konkaves Element ist.

Die Kubisten schufen die Möglichkeit, in der Kunst Prozesse anstelle statischer Zustände zu zeigen. Der Inhalt ihrer Kunst besteht aus verschiedenen Arten der Interaktion: der Interaktion zwischen verschiedenen Aspekten des gleichen Ereignisses, zwischen dem leeren Raum und dem ausgefüllten Raum, zwischen Struktur und Bewegung, zwischen dem Betrachter und der Sache, die betrachtet wird.

Man sollte von einem kubistischen Gemälde nicht die Frage stellen: Ist es wahr? Oder: Ist es aufrichtig? Man sollte fragen: Hat es Kontinuität? ... ... ...

In einem kubistischen Gemälde sind die Konklusion und die Beziehungen gegeben. Aus ihnen besteht das Bild. Sie sind sein Inhalt. Der Betrachter muss seinen Platz innerhalb dieses Inhalts finden, während die Vielfalt der Formen und die „Diskontinuität“ des Raums ihn  daran erinnern, das seine Ansicht von diesem Platz aus nur ein Teilaspekt sein kann.

Ein solcher Inhalt und wie er funktionierte, war prophetisch, weil er mit der neuen wissenschaftlichen Auffassung von Natur zusammenhing, die eine einfache Kausalität und den einen unveränderlichen, alles erfassenden Blickpunkt ablehnte ... ... ...

(Der Kubismus) schuf die Syntax der Kunst neu, so dass sie moderne Erfahrungen ausdrücken konnte. Die Behauptung, dass ein Kunstwerk ein neues Objekt ist und nicht nur der Ausdruck seines Gegenstandes, die Strukturierung eines Bildes, so dass verschiedene Erscheinungsformen von Zeit und Raum darin gleichzeitig vorkommen können, die Einbeziehung von Fremdkörpern in ein Kunstwerk, die Verzerrung von Formen, um Bewegung oder Veränderung anzuzeigen, die Verbindung von bisher getrennten und verschiedenartigen Medien, der diagrammatische Gebrauch von Erscheinungen – das waren die revolutionären Neuerungen des Kubismus ... ... ...

In gewissem Sinne war er die modernste – wie auch die philosophisch umfassendste – Kunst, die es je gegeben hat ... ... ...